Licht ins dunkle Tal

Solarlampen für Hochlanddörfer in Papua-Neuguinea

Bericht von Evelin Schwarzer, 13. Dezember 2008

Ihr Lieben alle daheim und in der fernen Welt,

 

nach 3 Wochen fernab jeglicher technischer Möglichkeiten möchte ich euch heute von meiner bisherigen Zeit hier in Papua erzählen. Die ersten Tage in Mt. Hagen waren gefüllt mit Aufgaben wie Einkaufen riesiger Mengen Reis, Nudeln, Zucker, Thunfisch, Dosenfleisch, Milchpulver, Oel, Kerzen, Putzmittel, Seifenpulver, Streichhölzer, Nägeln, Wasserkanister, Klopapier, alles, was man halt in 3 Monaten so brauchen könnte. Insgesamt waren es 300 kg. Dazu kam ein Fass Diesel (200 Liter). Das Gepäck musste alles in Kartons verpackt, zugeklebt und mit Namen und Zielort versehen werden. Das klingt alles einfach, aber unter hiesigen Bedingungen brauchte es zu allem mehrere Tage. Problem war z. B. das Abheben von Geld am Automaten. Dort stand jedesmal eine lange Schlange. Auch spuckte der Automat nicht immer die gewünschten Scheine aus, sodass ich es mehrmals versuchen musste. Meine Sachen haben wir nach und nach zum Flugplatz der MAF (Missionsfluggesellschaft) gebracht und dort zwischengelagert. Es wurde alles hin und her sortiert, mir war Angst und Bange, ob auch wirklich die ganzen Sachen in Kol ankommen würden. Hier habe ich viel Zeit zugebracht mit der Klärung der Transporte. An meiner Seite hatte ich als Fahrer und Helfer Stay, einen Niugini, den ich von den vorangegangenen Besuchen bereits kannte. Da er wiederum kein Wort Englisch spricht, haben wir versucht mit meinen paar Worten Pidgin und Händen und Füßen das Ganze in den Griff zu bekommen. Stay hatte eine Engelsgeduld mit mir und hat mich auch sonst keinen Moment aus den Augen gelassen. Als ich im einzigen mehrgeschossigen Haus der Stadt im dortigen Computershop E-Mails geschrieben habe und plötzlich ein Tumult losging und alle Leute die Treppe runter ins Freie rannten, blieb Stay unbeirrt neben mir stehen. Abends erst habe ich auf Nachfrage den Grund der Unruhe erfahren - ein Erdbeben. Ich habe nichts bemerkt, vielleicht war ich durch den langen Flug noch in einer Art "Schwebezustand".

 

Am 21. war es dann soweit. Frühmorgens gings los zum Flugplatz. Dort lagerten meine Kartons auf einem Rollwagen zusammen mit Kartons anderer Leute. Nach 2 Stunden Warten konnte ich mit noch 4 weiteren Passagieren einsteigen, die allerdings mitsamt ihren vielen Kartons an einem anderen Ort aussteigen wollten. Es war gutes Wetter und wir hatten super Sicht aus geringer Höhe auf Berge, Täler, Dörfer, Wege. In Kol wurde ich bereits erwartet und von Weitem sah ich schon die mehrfach verschollenen Kisten stehen - GOTT SEI DANK. Nach einer kurzen Begrüßung und der Einweisung für die Kistenträger führte mich Paul (sowas wie der Superintendent der Region und mein Ansprechpartner in allen Dingen) zu dem vorbereiteten Eingangstor, hinter dem eine Mädchengruppe mit Schellenkränzen ein Segenslied sangen. Nach Gebeten auf beiden Seiten des Tores wurde dieses geöffnet und alle haben mir die Hand gereicht. Wir wurden mit Gesang in den Ort und zu meinem Haus begleitet. Dorthin wurden mit viel Mühe auch die Kisten getragen. Immer 6 kräftige junge Männer, barfuß und steil bergab schleppten jeweils eine Kiste. Am Haus angekommen, saßen bereits viele Leute im Gras. Einige Gesichter habe ich gleich wieder erkannt und wir haben uns herzlich begrüßt. Vor allem die Frauen des Dorfes umarmten mich immer wieder. Es erfolgte eine nochmalige offizielle Begrüßung auch der beiden jungen Mitarbeiter des Lutherischen Entwicklungsdienstes. Ich ahnte schon, dass ich hier nicht umhinkomme, auch ein paar Sätze zu sagen. So kramte ich aus meinen Erinnerungen (ich hatte doch im Vorfeld kein Pidgin, sondern nur Englisch gepaukt) Pidginworte heraus und hielt meine erste Kurzrede (;.) in dieser fremden Sprache. Die Leute hier halten sehr umfangreiche und ausführliche Reden. Alles wird mehrfach und immer wieder aus verschiedenen Richtungen beleuchtet. Ich war da natürlich schnell fertig mit allem.

 

Nun hatte ich Zeit mich einzurichten. Das Haus ist spärlich mit Möbeln ausgestattet. Auch die Küchenausstattung ist eher mangelhaft, 2 riesige Töpfe, 1 Wasserkessel, ein paar Teller und Tassen. Gabeln und Löffel habe ich mir geborgt, für den Rest hatte ich mein Taschenmesser. Wie sich herausstellte, ist die Gas-Zuleitung des Kochers defekt, ich bekomme vorübergehend einen Kerosinkocher. Fließendes Wasser gibt es zur Genüge im Regenwasserfass vor dem Haus. Es schüttet täglich und wie aus Kannen, stundenlang. Bis Mittag scheint aber in der Regel die Sonne und es ist richtig warm. So genieße ich es, im Dezember barfuß zu laufen.
Am Samstag Nachmittag hörte ich im Dorf die lauten "Buooo"-Rufe der Männer und das "Aiiiaaa" der Frauen. Da war etwas los und ich wollte es mir nicht entgehen lassen. Tatsächlich waren vor dem Gemeindehaus eine große Anzahl Menschen versammelt. Unter einer Plane wurde gerade ein gemumutes Schwein zerlegt und auf vorbereitete frische Bananenblätter verteilt. Heute war das einmal jährlich stattfindende Treffen der (alten) Frauen des Kirchenbezirks. Das wurde mit einem großen Festessen verbunden. Ich treffe "Mama" wieder, die ich schon vermisst hatte. Sie leitete die Verteilung und so bekam ich schließlich auch einen Anteil, der aus einem guten Stück Fleisch, ein paar Rippchen und einer gegarten Taro-Knolle bestand.

 

Sonntag war Gottesdiensttag. Die Kirche war überreich mit frischen Blumen geschmückt und sie war voll bis auf den letzten Platz. Entsprechend stimmgewaltig war der Gesang, den ich hier in Neuguinea so besonders liebe.
Am nächsten Tag also wollten wir in der Werkstatt starten. Vorher sollte allerdings ein kleines Essen und ein nochmaliger Gottesdienst stattfinden. Ich ging nicht wirklich davon aus, dass 8 Uhr hier schon irgendetwas losgeht. Trotzdem stand ich um diese Zeit deutsch pünktlich bereit. Gegen 9 oder 10 war ein munteres Treiben vor meinem Haus und der Werkstatt im Gange. Holz wurde gespalten, Steine erhitzt, große Mengen Süßkartoffeln und Grünzeug herangetragen. Wie sich herausstellte, sollte der Tag mit einem Mumu beginnen. Ein dickes Schwein wurde herangeführt und ehe ich es noch lebend im Bild festhalten konnte, lag es bereits erschlagen im Gras. Nun dauerte es viele Stunden, bis alles im Erdofen eingeschichtet war. Während der Garzeit wurde Gottesdienst gehalten, den wir auf Grund des einsetzenden Regens von der Wiese in die Kirche verlagert haben. Dort waren alle Pfarrer der umliegenden Gemeinden anwesend und auch die zukünftigen Mitarbeiter. Für das Projekt wurde nochmaliger Segen erbeten. Inzwischen war das Essen fertig, die Sonne schien auch wieder, allerdings nur für kurze Zeit. In einer Blitzaktion schleppten wir (die beiden Jungs vom Entwicklungsdienst - Sini und Aneko - und ich) unseren Anteil des Essens ins Haus. Die anderen nahmen ihre Anteile und verschwanden ebenfalls schnell in ihren Hütten. Nun sollte es am Dienstag wirklich losgehen. Ich war gespannt auf die Leute und darauf, wie nun alles ablaufen würde. Es begann chaotisch, denn es kamen 7 Leute + die beiden aus LAE. Zunächst waren die Kisten an den Rand zu heben und ein paar Arbeitstische vorzubereiten. Alle waren voller Ungeduld und wollten gleich loslegen. Die erste Kiste war schnell leer und es lag alles wüst im Regal. Mein Englisch stellte sich auch schnell als ziemlich unbrauchbar heraus, weil hier eben Pidgin gesprochen wird. Paul kommt mit zu Hilfe und wir vereinbaren, dass eine Gruppe von 4 am Vormittag arbeitet und eine 3er Gruppe am Nachmittag. Sini und Aneko arbeiten in beiden Gruppen mit. Ich kann mich nicht lange mit Erklärungen aufhalten und lasse die 1. Gruppe beginnen mit einer zeitaufwändigen Arbeit - Drähte zuschneiden und abisolieren, mindestens 50 Stück pro Sorte. Nach den ersten 5 Drähten werde ich gefragt, ob wir wirklich 50 pro Sorte brauchen. Ich erkläre, dass wir insgesamt 1000 pro Sorte benötigen. Das war überzeugend. Nun hatte ich eine Weile Ruhe, um den Inhalt der Kiste zu prüfen und allen Einzelteilen nach und nach einen geeigneten Platz zu geben. Schon am nächsten Tag hatte alles eine gewisse Ordnung und nun hatte ich Zeit, die einzelnen Arbeitsschritte vorzudenken und vorzubereiten. Jeden Tag gehen wir Stück für Stück voran. Die 8 Jungs und 1 Mädchen sind alle sehr geschickt, hoch motiviert und emsig. Während der Arbeit wird kaum hoch geguckt und nicht geredet. Wenn draußen der tägliche Regen niedergeht, hat auch keiner Lust nach Hause zu gehen. Und so wird eben die Arbeitszeit verlängert. Sie haben ihre Freude daran und auch mir macht es Freude mit ihnen zu arbeiten. Wir haben beizeiten die 2. Kiste geöffnet, weil ich nicht schon am 2. Tag mit dem Löten beginnen wollte, sodass also 200 Lampen gleichzeitig in Arbeit waren. Nach Feierabend wird immer noch ein wenig erzählt. Sie amüsieren sich natürlich über meine holprigen Sätze, aber für die erste Verständigung reicht es.

 


Ich bedaure, dass ich Montag bis Freitag kaum aus dem Haus heraus komme, höchstens ein Viertelstündchen in der Mittagspause. Nach Feierabend regnet es meist und es wird auch schnell dunkel. Da mein Haus doch etwas abgelegen ist, verlasse ich es bei Dunkelheit nicht mehr. Ab und zu sitze ich mit Paul und seiner Familie in deren Hütte am Feuer. Samstag und Sonntag dagegen gehe ich los, um hier und da ein Schwätzchen zu machen. Ab kommender Woche werden wir uns in die Werkstattarbeit reinteilen können, denn dann habe ich hier noch einen Mitstreiter aus Deutschland.
Am Freitag vor dem 2. Advent war für mich schon fast Weihnachten. Der Weihnachtsmann kommt hier mit dem Flugzeug ;-). Jedenfalls habe ich nun einen nagelneuen Gasherd mit Backofen (das erste Brot habe ich schon gebacken!!), ausreichend Geschirr und Besteck, fließendes Warm- und Kaltwasser IM Haus, eine funktionierende Toilette, Dusche, sogar Badewanne!! Was für ein Luxus!! Meine "Mama", die mich immer mit Kaukau (Süßkartoffeln) und Gemüse aus dem Garten versorgt, ist voller Freude mit einem Lied durch die Küche getanzt.

Wie ihr merkt, geht es mir ganz gut hier. Ich hoffe; Ihr daheim seid auch alle gesund und guter Dinge. Ob Ihr schon Schnee gesehen habt? Vom Winter muss ich hier immer wieder erzählen, von den kurzen Tagen und langen Nächten, vom Grau-in-Grau der winterlichen, schneelosen Landschaft.

Alles Liebe für Euch, eine gesegnete Rest-Advents- und Weihnachtszeit und bis zum nächsten Mal.

Bleibt behütet!
Evelin


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